Freundschaft, Verantwortung, Zukunft: Isabel Pfeiffer-Poensgen über eine Zeit des Wandels

Isabel Pfeiffer-Poensgen im Interview mit Carla Cugini und Larissa Grotebrune über persönliche Erinnerungen an Irene und Peter Ludwig genauso wie über die Herausforderungen und die Neuausrichtung der Ludwig Stiftung nach dem Tod der Stifterin. Außerdem verrät sie, warum der Sommer 2023 der richtige Zeitpunkt war, aus dem Kuratorium auszuscheiden. 

Das Gespräch fand am 26. Oktober im Museum Ludwig Köln statt. Carla Cugini leitet die Peter und Irene Ludwig Stiftung, Larissa Grotebrune schließt ihr Volontariat für Öffentlichkeitsarbeit mit der neuen Website der Stiftung ab.

Carla Cugini (CC): Liebe Frau Pfeiffer-Poensgen, Sie hatten eine sehr lange und innige Verbindung zu Irene Ludwig sowie dem Ehepaar Ludwig. Wie fing das an?

Das Ganze begann in meiner Kindheit, weil meine Eltern zu einem Freundeskreis in Aachen gehörten, zu dem auch Irene und Peter Ludwig zählten. Mein Vater und Irene Monheim waren bereits Sandkastenfreunde. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich vor allem daran, dass Irene und Peter Ludwig zum ersten Advent ein großes Paket mit verschiedenen Schokoladensorten von Trumpf an alle Freunde mit Kindern verschickten. In den 1950er-Jahren war das etwas ganz Besonderes. Meine Eltern kauften nie Schokolade, und da hatten sich Ludwigs natürlich auch schon deswegen in unsere Kinderherzen gebrannt.

Eigentlich sind die mir alle viel zu alt. Kannst nicht du eine Rede auf mich halten?“ – Irene Ludwig zu Isabel Pfeiffer-Poensgen, 2007

1999 wurde ich dann zur Kulturdezernentin in Aachen gewählt. Irene Ludwig rief mich als Erste überhaupt an und sagte: Das finde ich ja toll, dass die Tochter von Jost Pfeiffer – Chef der CDU-Fraktion – von Rot-Grün zur Dezernentin gewählt worden ist!“ Das war der Beginn einer wirklich wunderbaren Freundschaft. Wir haben uns häufig gesehen und viel telefoniert. Dann plante sie ihren 80. Geburtstag im Ludwig Forum in Aachen – mit dem damaligen Ministerpräsidenten, allen möglichen Würdenträgern und Koryphäen aus der Kunstszene – und rief mich an: Eigentlich sind die mir alle viel zu alt. Kannst nicht du eine Rede auf mich halten?“ Man kann da natürlich nicht Nein sagen. Wenn man so etwas macht, will man es gut machen und der Persönlichkeit gerecht werden. Aber es kostete mich viele Wochenenden.

Isabel Pfeiffer-Poensgen und Irene Ludwig anlässlich ihres 80. Geburtstages im Ludwig Forum in Aachen, 2007

Larissa Grotebrune (LG): Bis 2004 waren Sie als Kulturdezernentin in Aachen tätig. Danach, 2005, wurden Sie von Irene Ludwig ins Kuratorium berufen.

Genau. Ich fing dann bei der Kulturstiftung der Länder in Berlin an, da hat Irene Ludwig mich dann gefragt, ob ich mich nicht im Kuratorium der Ludwig Stiftung engagieren möchte. Sie legte immer viel Wert auf das Aachenerische. Es gab Stimmen, die meinten, man könne die Verwaltung der Stiftung nach Köln verlegen, aber Irene Ludwig blieb standhaft. Ich erinnere mich an ein Treffen auf der Art Cologne mit Marie Hüllenkremer, der damaligen Kulturdezernentin in Köln, ebenfalls Aachenerin, und mir. In dieser Runde sagte Irene Ludwig: Ach, wir Öcher Mädchen!“ Sie war tief mit Aachen verbunden, und deshalb halte ich es für entscheidend, dass die Stiftung ihren Sitz in Aachen behält – es entspricht dem Willen der Stifterin.

Das war die richtige Entscheidung: Das Haus fungiert nun als professioneller Arbeitsort.”

CC: Als Irene Ludwig im Jahr 2010 verstarb, war das eine Zäsur und in vielerlei Hinsicht ein Neuanfang. Welche Herausforderungen musste die Stiftung bewältigen, und wie hat sie sich in dieser Zeit neu aufgestellt?

Es war ein Segen, dass Walter Queins als geschäftsführender Vorstand der Stiftung da war. Neben Elke Beyer, der langjährigen rechten Hand von Peter Ludwig, stand er Irene Ludwig immer loyal zur Seite. Nach ihrem Tod hat er sich unglaublich dafür eingesetzt, ihr Testament umzusetzen und zu realisieren. Es stand die Frage nach dem Vermächtnis, aber auch nach dem Haus, in dem Irene Ludwig bis zuletzt gelebt hatte, an. Es gab Überlegungen, sich von der Immobilie zu trennen und stattdessen in die Kunst zu investieren. Es wurde uns aber allen klar, dass wir das Haus nicht verkaufen können. Denn dieses Gebäude ist ein Gesamtkunstwerk mit all den Fliesenbildern, die in die Wände eingelassen sind, mit den zahlreichen verbauten Spolien aus alten, zerstörten Aachener Häusern, aber auch von anderswo. Die zahlreichen gestalteten Ecken machen deutlich, dass das Haus wirklich der Nukleus dieser einzigartigen Sammlung ist.

Nach umfangreichen Überlegungen und Kalkulationen, unter Berücksichtigung, dass das Haus integraler Bestandteil der Stiftung ist und gemeinnützigen Richtlinien folgt, wurden die notwendigen Sanierungsarbeiten durchgeführt. Das war die richtige Entscheidung: Das Haus fungiert nun als professioneller Arbeitsort. Gleichzeitig war es uns wichtig, die ursprüngliche Anmutung der unteren Räume zu bewahren, um einen Eindruck vermitteln zu können, wie die Ludwigs gelebt und gesammelt haben. 

Isabel Pfeiffer-Poensgen und Irene Ludwig anlässlich ihres 80. Geburtstages im Ludwig Forum in Aachen, 2007

LG: Und man kann die Räume ja auch für kleinere Veranstaltungen, die gelegentlich stattfinden nutzen, oder Führungen. Irene Ludwig selbst hat doch auch einmal gesagt: Dieses Haus soll kein Mausoleum werden, wenn ich mal sterbe“, oder? 

Genau, das war eine klare Ansage. Sie liebte auch mal einen flotten Spruch. 

Neben dem Haus und den Herausforderungen der Stiftung als laufender Betrieb ging es dann um die Vermächtnisse. Diese beinhalteten auch, dass wir uns erneut mit den Sammlungsbeständen befassen mussten. Dabei legten wir besonderen Wert darauf, dass alles in den jeweiligen Häusern verbleibt. Nach Abschluss dieser Phase der Professionalisierung stellte sich die Frage, wie wir die Stiftung und die Sammlung in Zukunft weiterentwickeln können, damit wir nicht nur in Ehre verstauben.

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